Die Algerier in Deutschland
Die Algerier in Deutschland
Ein Artikel aus der Wochenzeitung "Die Zeit" vom November 1960, ein historisches Dokument. Ich habe den Link von einer Freundin aus Nordrhein-Westfalen bekommen. Sie meinte, der Artikel wäre wichtig für die Algid-Homepage. Als ich ihn gelesen habe, war ich ganz ihrer Meinung. Es ist wichtig für die Jüngeren zu erfahren, wie die ersten algerischen Einwanderer lebten.
Ich finde den Artikel sehr gut geschrieben, sachlich und informativ.
Annissa Kahla
DIE ZEIT, 18.11.1960 Nr. 47
Saarbrücken ist ihr Sammelplatz, doch keine FLN-Etappe — Abends geht Achmed in die Schule /
Von Heinz Michaels Saarbrücken, im November
Teden Abend treffen sie sich in der kleinen Seitenstraße am Hauptbahnhof, tauschen Neuigkeiten aus, diskutieren über die Zukunft oder erzählen ganz einfach von ihrer Heimat. Von der Umwelt sind sie isoliert, mißtrauisch beobachtet von den einen, mitleidig betrachtet von den anderen: Algerier in Deutschland.
Achmed, der so eine Art algerischer Gewerkschaftsfunktionär ist, unterscheidet sich mit seinem braunen Anzug und dem karierten. Hemd mit offenem Kragen kaum von einem deutschen Arbeiter. Sein Deutsch ist gut. „Ich gehe auch jede Woche einen Abend in die Schule", erzählt er stolz. Später höre ich, daß Achmed mit. einer Saarländerin verheiratet ist.
Zusammen fahren wir hinaus zum Stadtrand von Saarbrücken. Bei spärlichem Mondlicht stolpern wir über einen Lagerplatz und landen schließlich vor einer halbverfallenen Baracke. Ein rhythmisches Klopfzeichen, ein kurzer Wortwechsel auf arabisch, dann wird uns geöffnet.
Der Anblick ist trostlos. Vier Mann in einem 15 Quadratmeter großen Raum. Holzpritschen. Strohsäcke ohne Bettücher, alte Decken. In der Ecke ein zementierter Ausguß, wie er in Ställen und Waschküchen üblich ist. Über dem Herd, auf dem Essen gewärmt wird, hängt Wäsche zum Trocknen. Die Tiefbaufirma, der diese Baracke gehört, ist allerdings großzügig: Sie nimmt den Algeriern für diese Behausung keine.Miete ab, nur 4,50 Mark monatlich für Licht und Wasser. Bei einer anderen Firma, so wird mir berichtet, mußten die Arbeiter für eine ähnliche Unterkunft 25 Mark im Monat bezahlen. Als sie sich darüber beschwerten, bekamen sie kurzerhand ihre Papiere in die Hand gedrückt.
Nun ist es nicht etwa so, daß es ihnen in Deutschland schlecht geht. Es geht ihnen besser als jemals in Algerien und besser auch als in Frankreich, wo sich viele ihres Lebens nicht sicher fühlten. Aber sie bekommen doch oft zu spüren, daß man sie für Menschen zweiter Klasse hält. Die meisten Algerier haben keine ordnungsgemäßen Papiere, viele müssen sich illegal durchschlagen, weil sie keinen französischen Paß haben. Auf den französischen Konsulaten sind sie ungern gesehene Gäste. So bleibt ihre Existenz, auch wenn sie schon seit Jahren im Saarland wohnen, immer unsicher, immer von Ausweisung bedroht.
10 DM an die Gewerkschaft
In der Barackenstube ist es voll geworden. Neugierige aus den Nachbarstuben drängen herein. Der Stubenälteste, ein Mann mit scharfer Hakennase und buschigem Schnauzbart, fingert umständlich in seiner Geldtasche. Von seinen Kameraden wird er mit ironischem Respekt „Opa" genannt. Er mag 50 Jahre alt sein, bedeutend älter als die anderen, deren Alter ich auf 20 bis 30 Jahre schätze. „Opa" hat endlich gefunden, was er suchte: Er überreicht mir seine letzte Lohnabrechnung. .
In 253 Arbeitsstunden hat er im letzten Monat rund 520 Mark verdient. Steuern, Krankenkasse, Invalidenversicherung — es ist die gleiche Lohnabrechnung wie bei einem deutschen Kollegen. Ich entdecke auch zehn Mark Gewerkschaftsbeitrag. „Die Algerier sind fast alle gewerkschaftlich orga- nisiert", hatte man mir bereits im DGB-Hauptquartier an der Dudweiler Straße gesagt.
Ich bitte den Mann, mir die Abrechnung zu erklären, aber er kann es nicht. Er hat keine Ahnung, was die einzelnen Posten bedeuten. Woche für Woche nimmt er seinen Lohn in Empfang, schimpft (auf arabisch, da er nur einige Brocken Deutsch kann), wenn es weniger ist, freut sich, wenn es das nächstemal wieder mehr ist. „Opa" arbeitet — wie die meisten Algerier — mit Hacke und Spaten als ungelernter Arbeiter beim Straßenbau. Auch jene, die einen Beruf erlernt haben, können ihn wegen Sprachschwierigkeiten meist nicht ausüben. Bei den Arbeitgebern sind die Algerier als fleißige, ordentliche Arbeiter geschätzt.
Niemand weiß genau, wie viele Algerier eigentlich in Saarbrücken, im Saarland oder in der Bundesrepublik leben. Bei der saarläncüschen Fremdenpolizei sind rund 300 registriert. Das Arbeitsamt hatte einmal 700 „erfaßt", doch sind inzwischen eine ganze Anzahl weitergezogen, nach „drüben" wie man an der Saar noch immer sagt, wenn man von der Bundesrepublik spricht. Insgesamt leben in der Bundesrepublik, so schätzt man, etwa 3000 Algerier, wegen der Sprachschwierigkeiten fast nur in Gruppen/Stuttgart, Frankfurt, Essen, Hamburg Nürnberg sind ihre Schwerpunkte. Essen allerdings gilt bei ihnen als gelobtes Land, seit der Bergbau kürzlich 60 Algerier aufgenommen und in einem Ledigenheim mit Einund Zweibettzimmern untergebracht hat.
Unter den 20 000 ausländischen Arbeitern im Saarland stellen die Algerier eine verschwindend kleine Zahl dar. Dennoch finden sie besondere Beachtung, weit mehr als die fast 10 000 Italiener. Das hat politische Gründe. Jede Woche kommen etwa 30 bis 40 Algerier neu nach Saarbrücken — Männer, denen in Frankreich das Pflaster zu heiß geworden ist. Die meisten werden weitergeschleust in andere Städte der Bundesrepublik, viele auch auf geheimen Wegen nach Tunis oder Marokko.
Wie diffizil es in dieser Situation ist, etwas für die Algerier zu tun, hat der SPD-Landtagsabgeordnete Regitz erfahren müssen, der Vorsitzender der sozialdemokratischen Fraktion in Saarbrücken ist. Zusammen mit einigen Gewerkschaftlern uno Mitgliedern sozialistischer Verbände hat er vor knapp zwei Monaten das „Komitee Freies Algerien" gegründet. Obwohl ähnliche Vereinigungen in anderen Städten der Bundesrepublik längst bestehen, hat der französische Botschafter in Bonn ausdrücklich gegen die Saarbrücker Gründung protestiert.
Fortbildungskurse für Algerier
„Die Franzosen glauben offenbar, daß wir .hier eine algerische Etappe und ein Ausbildungslager für Algerier aufziehen wollen'', sagt Regitz halb ärgerlich, halb belustigt. „Ich habe dem französischen Konsul versichert, daß wir ausschließlich humanitäre Ziele verfolgen," Regitz versteht darunter: Ordnungsgemäße Aufenthaltsgenehmigungen für die Algerier, bessere Unterkünfte und Beschäftigung für sie auch in den gelernten Berufen. Um dafür die Voraussetzungen zu schaffen, organisiert der DGB-Geschäftsführer Detemple Sprachkurse und berufliche Fortbildungskurse.
Regitz bemängelt, daß den Algeriern in der Bundesrepublik nur selten politisches Asyl gewährt wird und daß für algerische Studenten viel zuwenig Stipendien bereitstehen. Immerhin hält er es für einen Fortschritt, daß die Algerier heute nicht mehr — wie früher •— als „unerwünschte Ausländer" einfach nach Frankreich abgeschoben werden, wo sie oft gleich in die Gefängnisse wanderten.
Natürlich erhoffen sich die Gründer des Komitees auch politische Nebenwirkungen. „Wenn wir überhaupt nicht zu erkennen geben, daß wir etwas für die Nordafrikaner übrig haben", sagt Regitz, „dann werden sie zwangsläufig in das Lager der Kommunisten gedrängt."
Die beiden jungen Araber, mit denen ich in einem Cafe diskutierte, verhehlen keinen Moment, daß sie der FLN (Front de Liberation Nationale) angehören. Beredt und in fließendem Deutsch werben sie um Verständnis und Unterstützung. „Wenn ihr Deutschen heute kein Verständnis für unsere Probleme habt, werden wir morgen auch kein Verständnis für eure Probleme haben!" Sie haben genau umrissene Vorstellungen, wie diese Unterstützung aussehen könnte: An erster Stelle Ausbildung für Arbeiter und vor allem für Akademiker.